Lern- und Gedenkort

Dort, wo sich im Moment noch eine große Baustelle befindet, entsteht direkt neben der Kirche St. Nicolaus ein neuer Lern- und Gedenkort.

Mittelpunkt des Lern- und Gedenkortes ist das Altarbild, das seit 1938 die Rückwand der Kirche einnahm.

Altarbild von 1938; im Mittelpunkt der gekreuzigte Jesus. Das Kreuz ist von einem Heiligenschein umgeben, ebenso Jesus Christus. Zu seinen Füßen stehen 15 Menschen in einer Reihe; diese beginnt schräg rechts hinter dem Kreuz, geht links herum und endet rechts unten. Alle tragen weiße Gewänder; zwölf von ihnen einen Heiligenschein, drei nicht.
Altarbild St. Nicolaus

Das Altarbild wurde zum 75-jährigen Bestehen der Kirche 1938 eingebaut und ersetzte das Fenster an dieser Stelle. Das umstrittene Wandbild zeigt den gekreuzigten Jesus, zu dessen Füßen sich eine Reihe von zwölf Personen befindet, die einen Heiligenschein tragen. Weitere drei Menschen auf diesem Bild hingegen haben keinen Heiligenschein. Es sind Menschen mit Behinderung. Hier wird deutlich: Die Gemeinde hält an diesen Menschen zwar fest, sie sind aber trotzdem anders und bleiben abhängig. Sie stehen nicht in ihrem Selbstwert vor Gott, sondern aus Barmherzigkeit der Helfenden.

Bemaltes Kirchenfenster; zu sehen ist Jesus Christus mit einem Heiligenschein. Er segnet ein Kind, das links vor ihm kniet und zu ihm aufschaut. Zwei weitere Kinder knien vor ihm nieder, links und rechts stehen mehrere Menschen. Oben im Fenster sieht man einen Engel, rundherum Blumen.
Ausschnittsbild des Blicks in die Kirche St. Nicolaus vor der Renovierung 1938

Die ausgrenzende Aussage des Altarbildes sowie dessen Entstehung in der Zeit der Verstrickung der damaligen Alsterdorfer Anstalten in den Nationalsozialismus beeinträchtigte bis heute die liturgische Nutzung der Kirche in hohem Maße.

Nach der baulichen Versetzung des Altarbildes wird im Rahmen der Sanierungsarbeiten an St. Nicolaus wieder ein Fenster eingesetzt, das die Kirche räumlich öffnet.

Ein Ort des Gedenkens und Lernens entsteht

Das 1938 entstandene Altarbild in der Kirche St. Nicolaus ist eines der wenigen erhaltenen Zeugnisse kirchlicher Kunst aus der Zeit des Nationalsozialismus in Hamburg. Die Botschaft dieses Bildes steht im Widerspruch zu den Ideen Heinrich Sengelmanns und vor allem zu dem heutigen Verständnis von Inklusion, dass alle Menschen gleiche Rechte haben und ein wertvoller Teil der Gesellschaft sind.

Daher hat sich die Evangelische Stiftung Alsterdorf entschlossen, im Zusammenhang mit der bevorstehenden Renovierung der Kirche das Altarbild nun aus der Kirche zu entfernen. Dazu wird die Rückwand der Kirche mit dem Altarbild transloziert, d.h. aus der Wand geschnitten, gedreht und schließlich abgesenkt in den Lern- und Gedenkort. So wird es möglich, das Altarbild zu umrunden, es zu betrachten und sich dadurch mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

Die eigene Geschichte ans Licht bringen

Die Evangelische Stiftung Alsterdorf setzt sich schon seit vielen Jahren offen und kritisch mit ihrer Geschichte auseinander. Daher soll das Altarbild nicht versteckt, sondern bewusst in die Öffentlichkeit – „ans Licht“ – gebracht werden im Sinne der Verantwortung für eine inklusive Gesellschaft.

Mit dem Lern- und Gedenkort soll – besonders im Rahmen der Geschichte der Stiftung – beispielhaft über die menschenverachtenden Sichtweisen der Nationalsozialisten informiert werden. So soll ein Ort der lebendigen Auseinandersetzung für alle entstehen.

Gedenkveranstaltung in Alsterdorf am 8. Mai 2021

Der 8. Mai jeden Jahres ist uns ein Anlass, an diese Opfer zu erinnern und Fragen an unser heutiges Handeln zu stellen. Durch die Corona Pandemie müssen wir auch in diesem Jahr unsere Veranstaltungen, den Alsterdorfer Vormittag und den Ochsenzoller Nachmittag, absagen. Dies tun wir auch im Namen der Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll, dem Freundeskreis Ochsenzoll und der Akademie der Nordkirche, mit denen wir sonst diese Veranstaltungen unter dem Motto „Erinnern für die Zukunft“ zusammen durchführen.

Wir bedauern dies sehr. Unser Gedenken in Alsterdorf an die Opfer der NS-Euthanasie soll aber nicht gänzlich ausfallen. Wir werden in kleinster Runde zusammen mit Bischöfin Kirsten Fehrs Blumen niederlegen und mit Worten und in Gedanken bei all denen sein, die ebenfalls innehalten und sich befragen, was uns unsere Geschichte lehrt.

Möchten Sie an unserem Gedenken teilhaben?

Ab Samstag, den 8. Mai, 10.00 Uhr finden Sie eine Videoaufnahme der Veranstaltung im Netz bei Youtube.